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Höhentrainingslager in der Schweiz

Auf Einladung von Jörg, der seit einiger Zeit in Bern lebt, fuhren Alex und ich in die Schweiz. Wir hatten - wie schon vor zwei Jahren - eine fünftägige Rucksacktour ausgearbeitet, die uns dieses Mal über die Gipfel der Walliser Alpen führen sollte. Am Ende sollten wir ausgerechnet die einzige Woche mit richtig gutem Wetter erwischen, was ein Glück!

Die geplanten Tagestouren hörten sich nicht furchtbar ambitioniert an, gerade einmal zwischen knapp 40 und 60 Kilometer sah der grobe Plan vor. Wir hatten uns an einem Bericht aus dem Internet über eine ähnliche Tour orientiert, sie eher noch entschärft. Aber ein paar Mal auf deutlich über 2.000 Metern herumfahren und gerne mal 1.500 Höhenmeter am Stück - da muss man sich langsam dran gewöhnen. Dazu kommt ja auch noch der Rucksack mit sieben bis acht Kilo.

Jetzt geht's los - alle noch guter Dinge!
Jetzt geht's los...

Die Hinfahrt sollte in gerade mal sechs Stunden mit dem ICE stressfrei und bequem ablaufen. Auf mehrmalige Nachfrage hatte die nette Dame am Kartenschalter im Bahnhof versichert, ein verpacktes Rad würde als normales Gepäckstück problemlos mitgenommen. Das sei viel einfacher als ein Stellplatz im IC und dazu noch günstiger! Da hatte sie wohl nicht mit den Launen einiger Zugbegleiter(innen) gerechnet. Noch vor dem Einsteigen bluffte uns die erste Dame der Deutschen Bahn an "Ist da ein Fahrrad drin? Das können sie nicht mitnehmen!". Wir sind natürlich trotzdem eingestiegen, das Gemaule ging drinnen weiter. Zum Glück war der zuständige Zugchef deutlich besser gelaunt und sah kein Problem darin. Man sollte sich eben niemals auf solche Auskünfte verlassen...

Tag 1

Aufstieg zum Saflischpass - deutlich über der Baumgrenze
Aufstieg über der Baumgrenze

Also am ersten Tag eine relativ "einfache" Strecke. Mit der Bahn bis ins östliche Wallis und dann nach dem zweiten Frühstück einmal auf den Berg, über den "Saflischpass". Läppische 2.564 Meter hoch, und das bei Start auf 1.000 Metern. Es ging auf Schotter recht angenehm hoch, aber mein Rücken wollte nicht so recht mit dem Rucksack harmonieren. Daher musste ich mich eine ganze Weile hinter den anderen beiden quälen. Ganz oben fuhr dann nur noch Jörg, Alex war aufgrund der Höhe ähnlich am pumpen wie ich.

  Abfahrt mit ordentlich Flow - Alex versuchts mit Schwung
Abfahrt mit ordentlich Flow

Die Abfahrt sollte laut Tourenbeschreibung recht nett sein - das war wohl eine Untertreibung. Fast 2.000 Höhenmeter Singletrailabfahrt am Stück, zu 99.9% fahrbar, steil und abwechslungsreich. Das war ein viel versprechender Anfang, wir hatten fast Angst das Beste gleich am ersten Tag gefahren zu sein.
Am Abend auf dem Markt konnten wir leckeren Käse aus der Region und Brot für die zünftige Brotzeit am nächsten Tag besorgen und gönnten uns eine für Schweizer Verhältnisse durchschnittlich teure Pizza - 18 Franken entsprachen etwa 16 Euro. Aber man sollte jetzt nicht glauben bei dem Preis wäre es übermäßig lecker gewesen!

Tag 2

Wunderschöne Täler - Blick Richtung Saas-Fee
Blick Richtung Saas-Fee

Der zweite Tag war mehr eine Überführungsetappe, mal nicht ganz über den Berg, sondern nach einer leichten Auffahrt nahe am Rhone-Tal "fast flach" Richtung Westen. Zwischendrin gab es dann aber wieder ein paar lustige Abfahrten, von denen man in unserer Gegend nur träumen kann - und dazu noch überwältigende Ausblicke.
Das angekündigte Highlight der Tour sollten eine Strecke entlang künstlicher Wasserläufe, den sogenannten Suonen, sein. Von der Funktion her funktionieren die genau wie jene im Harz - nur waren diese hier um ein Vielfaches spektakulärer. Sichere Radbeherrschung, teilweise Schwindelfreiheit und Trittsicherheit waren dort gefordert. Sollte man mal gesehen haben, sie sind aber sicher besser zum Wandern ohne Rad geeignet. Schlagt mal nach unter "Hopschilpfad"! Unsere Unterkunft war ein nettes kleines Hotel mit schönem Ausblick, die Halbpension für recht "günstige" 80 Franken ;-)

Bergab für Jörg - eine der leichten Abfahrten Hier wird es schon eng - noch passt es Das ist zu heikel - neben ein paar hundert Metern Abhang
Bergab für Jörg Hier wird es schon eng Das ist zu heikel

Tag 3

Aufstieg unter 4.000ern - ganz so hoch geht es heute nicht
Aufstieg unter 4.000ern

Am dritten Tag stand zwar die kürzeste Strecke auf dem Programm, aber auch die "Cima Coppi": Der 2.874 Meter hohe Forcletta-Pass. Bis auf 2.500 Meter war es wie versprochen gut fahrbar, danach nur noch kurze Abschnitte. Imposant auch durch die schneebedeckten 4.000er, die den Ausblick nach Süden dominieren. Die letzten 250 Höhenmeter war dann eher schleppen als schieben angesagt. Oben war es doch ziemlich frisch, insbesondere wenn mal wieder eine kleine Wolke über den Grat kroch. Aber die Jacken und Beinlinge konnten wir schon nach kurzer Abfahrt wieder ausziehen. Auch an diesem Tag hatten wir bei unserer Wegwahl bergab den richtigen Riecher, steil, schmal und fahrbar.
Die Nacht verbrachten wir in einer kleinen Privatunterkunft in einem ziemlichen Kaff - die einzige Gaststätte im Ort hat normalerweise nur Käsefondue im Angebot, machte extra für uns Nudeln (mit Arrabiata aus dem Glas für 18 Franken pro Person)!

Oben wird getragen - auf über 2.500 Metern 2.874 Meter, kalt ist's - lieber mal eine Jacke anziehen Etwas grobschotterige Abfahrt - und ordentlich steil
Oben wird getragen 2.874 Meter - kalt ist's! Etwas grobschotterige Abfahrt

Tag 4

Der Lac de Moiry - im Hintergrund der namensgebende Gletscher
Der Lac de Moiry

An Tag vier nicht ganz so hoch - "nur" 2.792 Meter am Basset de Lona - aber dafür einige Kilometer auf einem Hochplateau über 2.600 Meter, um am anderen Ende wieder auf 2.787 Meter hoch zu fahren. Zuerst aber mal wieder ordentlich bergauf, durch das von asiatischen und amerikanischen Touristen bevölkerte Touri-Dorf Grimentz und vorbei am Stausee von Moiry. Tatsächlich komplett fahrbar! Ganz oben war man auf einer kurzen Schotter-Abfahrt schon froh über das gute Wetter, die Temperatur war dennoch eher einstellig.

  Verbindungsweg auf 2.000 Metern - da macht selbst hoch fahren Spaß
Verbindungsweg auf 2.000 Metern

Die Strecke ab Grimentz war im Grunde der Schluss des MTB-Marathons "Grand Raid Cristalp" in umgekehrter Reihenfolge. Unsere Abfahrt stellt beim Rennen also den "Schlussanstieg" dar, aber die Überraschung: auf den ersten 300 Höhenmetern war selbst herunterfahren nur eingeschränkt möglich, eigentlich war es mehr ein Geröllfeld ohne echten Weg. Wenn man beim Rennen an der letzten Behausung auf 2.300 Metern steht, mit 5.300 Höhenmetern in den Beinen, sieht man also einen Bergrücken ohne erkennbaren Weg und muss da rauf? Na schönen Dank!

"The Brazilian", die Bremse glüht - 2.000 geniale Höhenmeter Abfahrt
"The Brazilian", Bremse glüht!

Wir fuhren lieber einen superschönen Höhenweg und dann eine Querverbindung zum angeblich schönsten Downhill der Schweiz, dem "Brazilian". Aber vorher gönnten wir uns noch eine Rast im Liegestuhl auf einer Berghütte. Der Brasilianer war oben noch etwas ruppig und steinig - wurde dann aber von Serpentine zu Serpentine immer cooler. 2.000 Höhenmeter am Stück, nicht übermäßig anspruchsvoll - auch mit Hardtail gut zu fahren - aber wieder einmal schön steil. Unten dann auch mit diversen engen Serpentinen (und ich bin einmal unfreiwillig abgestiegen, der Rucksack drückte einen doch ganz schön nach vorne). Am Ende waren wir uns einig: den sollte man wirklich mal gefahren sein!

  Der perfekte Tagesabschluss - kann es noch besser werden?
Der perfekte Tagesabschluss

Am späten Nachmittag quälten wir uns dann im Sonnenschein am Südhang hoch und fragten uns schon ob sich die Mühe wohl lohnen würde. Den obligatorischen Abendwein (diesmal waren es sogar zwei Flaschen) hatten wir uns zuvor in Sierre bei einem lokalen Winzer direkt aus dem Keller geholt - ging auch am Schweizer Nationalfeiertag! Wir hatten schon etwas Sorge in dem "Bergdorf" in erreichbarer Nähe überhaupt etwas Vernünftiges zu Essen zu bekommen - die Gastmutter war dann aber mehr als fürsorglich und versorgte uns mit einem vorzüglichen Vier-Gänge-Menü auf der Terrasse. Kostete gerade mal 20 Franken extra. Als Zugabe gab es dann noch in beinahe jedem Ort im Tal ein Feuerwerk zu sehen.

So ungefähr muss der perfekte Radfahrer-Tag aussehen!

Tag 5

Hoch über Crans-Montana - noch ein Blick auf den Alpenhauptkamm
Hoch über Crans-Montana

Für den letzten Tag hatten wir vorher kein festes Programm, entschieden uns dann für die Variante "mit Seilbahn Richtung heimwärts". Zuerst ein paar hundert Höhenmeter Standseilbahn nach Crans-Montana, wo Jörg einen krassen Downhill aus einem Schweizer MTB-Rennen kannte. Sowas würde es in Deutschland nicht geben - schon allein weil die Hälfte der Starter nicht ankäme... Danach wieder hoch nach Leukerbad, wo es per Kabinengondel auf den Gemmi-Pass ging. Von dort konnte man endlich mal das Matterhorn "erahnen".
Bis Kandersteg dann zur Abwechslung mal eine Schotterabfahrt, nach so vielen Singletrails mal eine nette Abwechslung. Da es tendentiell runter ging fielen auch die nächsten 50 Kilometer bis zum Thuner See nicht allzu schwer. Für die letzten 30 Kilometer bemühten wir dann noch mal die S-Bahn und kamen zufrieden und fertig wieder in Bern an.

Durch diese hohle Gasse muss er kommen - Aufstieg nach Leukerbad Bloß nicht versteuern - "Wanderweg" am Seeufer Mission Accomplished - Ende am Thuner See
Durch diese hohle Gasse... Bloß nicht versteuern Mission Accomplished

Die Streckenführung

Grand Raid Cristalp

Da haben wir es auch schon: http://www.rad-net.de/index.php?menuid=73&newsid=24342

http://www.grand-raid.ch/de/willkommen

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